Lagerhaus mit datierten Paletten und Stoppuhr als Symbol für Altbestand

Aged Inventory Surcharge 2026: Wann Lagern bei Amazon teurer wird als Wegwerfen


Der Aged Inventory Surcharge (AIS) — der Aufschlag auf Altbestand im FBA-Lager — ist 2026 in sechs Tarif-Stufen gestaffelt. Der dramatischste Sprung passiert bei 271 Tagen: dort verdoppelt sich der Tarif von 47,99 € auf 125,16 € pro Kubikmeter (+161 %). Wer das nicht aktiv überwacht, zahlt für träge SKUs jeden Monat unsichtbar Geld. Dieser Artikel zeigt die komplette Tarif-Tabelle, eine Beispielrechnung, die fünf aged-freien Ausnahme-Kategorien, den Stichtag 15. — und ein Entscheidungs-Framework für die Frage „Remission, Liquidation oder weiter lagern?”.

Wer FBA macht, kennt das Phänomen: Ein paar SKUs, die mal sehr gut liefen, verkaufen sich plötzlich kaum noch. Die Stückzahl im Lager schmilzt langsam, die Reichweite wächst — und irgendwann tauchen in den FBA-Reports kleine, regelmäßige Posten auf, die niemand bewusst entschieden hat. Das ist der Aged Inventory Surcharge. Er ist keine Strafe, sondern eine Lenkungsgebühr: Amazon will die Lagerflächen frei haben und macht es Sellern teuer, wenn Ware zu lange in einem Lager liegt.

Das Problem: Die meisten Seller wissen, dass es den Aufschlag gibt — aber nicht, wann genau er greift und wie steil die Tarife eskalieren.


Die sechs Tarif-Stufen im EU-FBA-Netzwerk

Der Aged Inventory Surcharge wird monatlich abgerechnet, mit dem 15. eines Monats als Stichtag. Wer am 15. mit einer SKU in einem der Tarif-Buckets liegt, zahlt für diesen Monat. Die aktuelle Staffelung (Stand 2026, Standard-FBA in der EU):

Lagerdauer Tarif pro Kubikmeter Mindest-Pauschale pro Einheit Veränderung zur Vorstufe
241–270 Tage 47,99 € 0,25 € erste Stufe
271–300 Tage 125,16 € 0,25 € +161 %
301–330 Tage 129,92 € 0,25 € +4 %
331–365 Tage 135,98 € 0,25 € +5 %
366–455 Tage 227,63 € 0,20 € +67 %
> 455 Tage 261,97 € 0,25 € +15 %

Abgerechnet wird immer der höhere Wert aus „Tarif × Volumen” und „Pauschale × Stückzahl”. Bei sehr kleinen, leichten Produkten greift häufig die Pauschale, bei voluminöser Ware der Kubikmeter-Tarif.

Das Wichtigste an der Tabelle ist der zweite Sprung — zwischen Tag 270 und Tag 271. Wer dort steht, sieht seine Kosten von einem Tag auf den nächsten um Faktor 2,6 steigen. Das ist kein gleitender Übergang. Eine SKU, die am 14. eines Monats noch in der ersten Stufe lag, kann am Stichtag 15. plötzlich in der teuersten Phase der mittleren Tarife sein.


Beispielrechnung: 100 Einheiten Standardpaket

Damit die Tabelle greifbar wird, hier ein konkretes Szenario. Eine SKU im Format 40 × 30 × 20 cm hat ein Einzelvolumen von 0,024 m³. Bei 100 Einheiten im Lager sind das 2,4 m³.

Liegt die Ware 280 Tage, fällt sie in den 271–300-Tage-Tier:

  • Kubikmeter-Berechnung: 2,4 m³ × 125,16 € = 300,38 €/Monat
  • Pauschal-Berechnung: 100 Einheiten × 0,25 € = 25,00 €/Monat
  • → Es greift der höhere Wert: 300,38 €/Monat zusätzlich

Bei zehn solchen SKUs in der gleichen Lagerdauer-Phase: rund 3.000 € pro Monat, allein an Aged-Aufschlag. Plus die regulären FBA-Lagergebühren (Monthly Storage Fees). Plus den 1,5-%-Versandzuschlag bei jedem tatsächlich getätigten Verkauf. In Summe macht das aus einem gut gemeinten „Reservebestand für nächstes Q4” einen monatlichen vierstelligen Cash-Abfluss.

Und das Tückische: In Seller Central läuft das nicht als auffällige Position. Es taucht in den Storage-Fee-Reports als kleine Spalte auf — Sektion „Long-Term Storage” oder „Aged Inventory Surcharge”, je nach Report-Format.


Die fünf Ausnahme-Kategorien

Nicht jede Ware wird vom AIS erfasst. Fünf Kategorien sind ausgenommen — sie zahlen die regulären Lagergebühren, aber keinen zusätzlichen Aged-Aufschlag:

  • Bekleidung & Accessoires
  • Schuhe
  • Koffer, Rucksäcke und Taschen
  • Reisegepäck
  • Schmuck & Uhren

Wer ausschließlich in diesen Kategorien verkauft, kann den AIS aus der täglichen Planung ausschließen — die regulären Lagergebühren bleiben aber natürlich relevant. Mode- und Accessoire-Seller haben hier einen strukturellen Vorteil bei Saisonbeständen, der oft unterschätzt wird.

Für alle anderen Kategorien — Haushaltswaren, Spielzeug, Elektronik, Pet-Supplies, Home & Garden, Sport, Beauty, Werkzeug und so weiter — gilt der vollständige Tarif.


Der Removal-Stichtag und warum der 14. wichtig ist

Wer Aged Inventory loswerden will, muss die Logistik beachten. Amazon prüft den Lagerbestand jeweils am 15. eines Monats. Wer am 14. eine Removal-Order in Auftrag gibt, ist nicht raus — es zählt der physische Vorgang, nicht der Auftrag. Realistisch dauert eine Removal-Order 10 bis 14 Werktage vom Auftrag bis zur Bestandsentfernung.

Daraus ergibt sich die Faustregel: Removal-Aufträge spätestens 30 Tage vor dem nächsten Stichtag absetzen, um sicher unter der Schwelle zu bleiben. Wer am 14. eines Monats merkt „Ah, in zwei Tagen wäre ich im teuren Tier”, hat den Monat schon verloren — die Removal-Order kommt nicht mehr rechtzeitig durch.

Aus diesem Grund ist Aged-Inventory-Management vor allem ein Frühwarn-Thema: Wer ab Tag 210 bis 220 anfängt zu beobachten, hat genug Vorlauf für eine fundierte Entscheidung. Wer erst bei Tag 260 schaut, ist im Reaktionsmodus — und Reaktion ist immer die teurere Variante.


Entscheidungs-Framework: Remission, Liquidation oder weiter lagern?

Wenn eine SKU sich der 241-Tage-Schwelle nähert, gibt es vier realistische Optionen. Keine ist pauschal richtig — die Entscheidung hängt von Velocity, Marge und Lagerkosten ab.

Option 1 — Weiter lagern (Status quo)

Sinnvoll nur, wenn die Velocity gerade anzieht (z. B. saisonaler Trigger steht bevor) oder wenn die Ausnahme-Kategorie greift. Sonst zahlst du jeden Monat ab Tag 241 die Aufschläge — und die laufen sich nicht selbst raus, sondern eskalieren.

Option 2 — Preis-Reduktion zur Abverkauf-Beschleunigung

Eine moderate Reduktion (10 bis 20 %) kann die Velocity um Faktor 2 bis 3 steigern und die Restmenge in 30 bis 60 Tagen abbauen. Achtung bei knappen Margen: Eine 30-%-Reduktion frisst die Restmarge auf, und wenn die erhoffte Velocity-Steigerung ausbleibt (typisch bei Saisonprodukten nach Saisonende), zahlst du weiter Lagergebühren auf reduziertem Restbestand.

Option 3 — Remission (Rückholung an dich)

Du holst die Ware aus dem FBA-Lager zurück in dein eigenes Lager (oder zu einem Drittlogistiker). Kosten: typisch 1,50 € bis 4,80 € pro Einheit, je nach Größe. Sinnvoll, wenn du die Ware über andere Kanäle (eigener Shop, Etsy, Großhandel) noch profitabel los wirst. Faustregel: lohnt sich häufig bei Stückwerten > 8 € und vorhandenem zweiten Kanal.

Option 4 — Entsorgung durch Amazon

Klingt nach dem günstigen Wegwurf-Pfad — ist es aber oft nicht. Entsorgung kostet 30 bis 60 % mehr als Inland-Remission. Beispiel: Bei einem Standard-Artikel 501–1.000 g zahlst du für Remission etwa 1,80 €, für Entsorgung 2,73 € (+52 %). Wer aus dem Bauch entsorgt, verschwendet Geld.

Option 5 — Liquidation über Amazon

Amazon verkauft die Ware an einen Großhändler weiter. Du bekommst typisch nur 4 bis 8 % des Listenpreises zurück (Liquidations-Rate ~7,5 %, abzüglich Verkaufsgebühr und Bearbeitung). Lohnt sich vor allem bei großen Beständen mit hohen monatlichen Lagergebühren, wo der gesparte AIS-Aufschlag den niedrigen Rückgewinn übersteigt.


Die Rechnung, die du wirklich machen musst

Statt aus dem Bauch zu entscheiden, lohnt sich ein 12-Monats-Vergleich der vier Pfade pro SKU. Vereinfachte Methodik:

  1. Restwert kalkulieren: Wie viele Einheiten? Welcher VK? Welche Marge?
  2. Status-quo-Kosten: Restbestand × Lagerdauer × Tarif (inkl. der absehbaren Tier-Sprünge bei 271, 366, 456 Tagen)
  3. Pfad-Vergleich: Was bleibt netto nach 12 Monaten pro Pfad übrig?

Der Pfad mit dem höchsten Netto-Effekt gewinnt. In der Praxis sind das oft Remission oder eine moderate Preis-Reduktion — selten Entsorgung oder Status quo.


US-Markt: 456+-Tier seit Januar 2026

Für Seller, die parallel über Amazon US verkaufen, gilt seit dem 16. Januar 2026 ein neuer Tier in der US-Rate-Card: 7,90 USD pro Kubikfuß oder 0,35 USD pro Einheit ab 456 Tagen Lagerdauer. Die EU-Tarife (oben in der Tabelle) sind davon unberührt — aber strukturell ist Amazon erkennbar dabei, Aged-Inventory-Stellschrauben weiter anzuziehen. Wer global verkauft, sollte die US-Bestände separat tracken.


Häufige Fragen

Wird der AIS automatisch in Seller Central angezeigt?
Ja, aber unauffällig. In den FBA-Storage-Fee-Reports gibt es eine eigene Spalte „Aged Inventory Surcharge”. Eine aktive Warnung bekommst du nicht — du musst selbst hingucken.

Was zählt als „Lagerdauer”?
Die Zeit ab dem Wareneingangs-Datum im FBA-Lager. Nicht das Bestelldatum beim Lieferanten und nicht der Versand-Zeitpunkt von dir an Amazon. Wer SKUs hat, die mehrfach inbound geschickt wurden, bekommt eine FIFO-Logik: Die ältesten Einheiten zählen zuerst.

Kann ich eine Removal-Order rückwirkend stornieren, wenn die Ware noch nicht ausgeliefert ist?
Ja, solange Amazon den Vorgang nicht physisch angestoßen hat. Sobald die Einheiten kommissioniert sind, lässt sich der Auftrag nicht mehr rückgängig machen.

Wirkt sich der AIS auf den IPI-Score aus?
Indirekt ja. Aged Inventory ist eine der Komponenten, die den Inventory Performance Index (IPI) drücken — und ein niedriger IPI-Score führt seinerseits zu strikteren Restock-Limits. Aged-Inventory-Management ist also nicht nur eine direkte Kostenfrage, sondern beeinflusst die zukünftige Bestand-Planung.

Gibt es Ausnahmen während der Q4-Saison?
Nein. Der Aufschlag läuft monatlich durch, auch im November und Dezember. Wer Q4-Restbestand bis ins Frühjahr trägt, sammelt während der Übergangszeit weiterhin Aged-Tage an.


Was du in der nächsten Woche tun solltest

Eine kurze Checkliste:

  • ☐ Liste aller SKUs ziehen, die heute zwischen Tag 200 und Tag 240 liegen (Frühwarn-Zone)
  • ☐ Pro SKU prüfen: Velocity, Restwert, Verkaufskanäle außerhalb Amazon
  • ☐ Für SKUs ab Tag 240: Entscheidung treffen — Preis-Reduktion, Remission, Liquidation, Entsorgung oder bewusst weiter lagern
  • ☐ Removal-Aufträge spätestens 30 Tage vor dem nächsten Stichtag absetzen
  • ☐ Falls SKUs in einer Ausnahme-Kategorie liegen: kennzeichnen und vom AIS-Tracking ausklammern

Wer den 271-Tage-Sprung nicht erst bemerken will, wenn er auf der Abrechnung steht: Waypoint Hub zeigt Aged-Risiken farbcodiert ab Tag 210, rechnet alle vier Lager-Pfade pro SKU live durch und sortiert sie nach Netto-Effekt. Mehr zu Waypoint Hub.



Stand: 20. Mai 2026. Tarife basieren auf der EU-Rate-Card 2026. Bei Tarif-Anpassungen durch Amazon wird der Artikel aktualisiert.

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