60 Tage statt 18 Monate: Wie Amazons Reimbursement-Regel deine Marge frisst
Seit dem 10. März 2025 erstattet Amazon FBA-Lagerverluste zum Herstellungspreis statt zum Verkaufspreis. Wer keine Cost-Daten pflegt, bekommt eine Amazon-Schätzung — typischerweise 20 bis 30 % unter dem realen Wert. Gleichzeitig wurde das Reklamationsfenster von 18 Monaten auf 60 Tage verkürzt. Passive Strategien („mache ich irgendwann”) sind damit strukturell vorbei. Dieser Artikel zeigt, was sich konkret geändert hat, eine Beispielrechnung mit dem typischen Verlust, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Cost-Upload im Inventory & Defect Portal und ein Monitoring-System, das den 60-Tage-Counter im Auge behält.
Bei jedem FBA-Seller verschwindet Ware im Lager. Mal sind es einzelne Einheiten, die intern beschädigt werden, mal verlieren sich ganze Sendungen beim Inbound, mal landen Retouren nie wieder als verkaufsfähig im Bestand. Amazon erstattet diese Verluste — aber zwei Regel-Verschärfungen seit März 2025 haben aus einem entspannten Prozess eine Reaktionsmaschine gemacht. Wer nicht aktiv arbeitet, lässt mittlere drei- bis vierstellige Beträge im Jahr liegen.
Was sich konkret geändert hat
Zwei Regel-Stellen wurden gleichzeitig angepasst — und ihre Kombination ist es, die das Problem akut macht.
Änderung 1 — Cost-Basis statt Verkaufspreis
Bis Anfang 2025 erstattete Amazon Lagerverluste nach einer eigenen Berechnung, die nahe am Verkaufspreis lag (typisch 60 bis 80 % des VK, je nach Kategorie und Marge). Wer einen Artikel für 30 € verkauft hat, bekam bei Verlust grob 20 bis 25 € zurück.
Seit dem 10. März 2025 wird die Erstattung auf den Manufacturing Cost umgestellt — also auf den Wareneinkaufs- oder Herstellungspreis, den du selbst beim Lieferanten gezahlt hast. Das ist die saubere, fairere Basis aus Amazons Sicht: Du bekommst dein eingesetztes Kapital zurück, nicht den entgangenen Gewinn.
Das Problem an der neuen Logik: Sie funktioniert nur, wenn Amazon deine Cost-Daten kennt. Pflegst du sie nicht selbst, schätzt Amazon. Die Schätzung basiert auf öffentlich verfügbaren Daten, Kategorie-Durchschnitten und Listing-Eigenschaften — und liegt nach Branchen-Berichten typischerweise 20 bis 30 % unter dem tatsächlichen Einkaufspreis.
Änderung 2 — 60-Tage-Reklamationsfenster
Parallel hat Amazon das Fenster für Reimbursement-Anträge von 18 Monaten auf 60 Tage verkürzt. Was nicht innerhalb dieser Frist gemeldet ist, ist verloren. Die Frist beginnt mit dem Datum des dokumentierten Verlusts in den FBA-Reports — nicht mit dem Zeitpunkt, an dem du es bemerkst.
Wer sich angewöhnt hat, einmal im Quartal die Lagerdifferenzen zu checken, kommt damit nicht mehr durch. Selbst monatliches Reviewen ist eng — bei einem Verlust am 1. Mai ist die Frist am 30. Juni abgelaufen.
Die Beispielrechnung, die wehtut
Ein typisches Szenario aus dem DACH-Mittelstand:
- Produkt mit Verkaufspreis: 30,00 €
- Tatsächliche Herstellungskosten (China-Import inkl. Zoll): 8,50 €
- Im Monat gehen drei Einheiten im Inbound oder Lager verloren
- Du bemerkst es nicht, Amazon dokumentiert es selbst
Variante A — Du hast Cost-Daten gepflegt:
– Erstattung: 3 × 8,50 € = 25,50 €
– Du musst aktiv den Erstattungsantrag stellen (binnen 60 Tagen)
– Ergebnis: voller Cost-Wert zurück
Variante B — Keine Cost-Daten gepflegt:
– Amazon schätzt, sagen wir 6,00 € pro Einheit (~30 % unter dem realen Wert)
– Erstattung: 3 × 6,00 € = 18,00 €
– Differenz: 7,50 € weniger
– Ergebnis: 30 % Verlust gegenüber Variante A
Variante C — Frist verpasst:
– Erstattung: 0 €
– Ergebnis: kompletter Verlust
Bei 200 SKUs und einer realistischen Verlust-Quote von 0,5 bis 1 % pro Monat liegt der Jahres-Effekt zwischen mittlere dreistellige Eurobeträge (sauber gepflegt) und niedrige vierstellige Beträge (passiv). Das ist Geld, das du beim Lieferanten bezahlst — und das ohne aktive Reklamation auf dem Weg zwischen Inbound und Buy Box verschwindet.
Cost-Daten richtig pflegen: Schritt für Schritt
Die gute Nachricht: Cost-Daten zu pflegen ist nicht aufwendig. Die Arbeit fällt einmalig pro SKU an (plus Updates bei Lieferanten-Wechsel oder Preis-Änderungen).
Schritt 1 — Inventory & Defect Portal aufrufen
Im Seller Central: Reports → FBA Inventory → Inventory Ledger oder direkt über Manage Inventory → einzelne SKU → Edit → Tab „Manufacturer Cost”. Bei Amazon EU-Konten heißt der Tab teils auch „Herstellungskosten” oder „Beschaffungskosten” — die Funktion ist identisch.
Schritt 2 — Pro SKU den Wareneinkaufspreis eintragen
Tragen ist hier ein echter Einkaufspreis pro Einheit, idealerweise inklusive:
- Wareneinkauf beim Lieferanten (FOB-Preis)
- Anteilige Versandkosten zum Inbound-Lager
- Anteilige Zoll- und Einfuhrumsatzsteuer (falls nicht erstattet)
- Anteilige Verpackungskosten (wenn Amazon-spezifisch)
Was du nicht einrechnen solltest: dein eigener Bearbeitungs-Aufwand, anteilige Werbekosten, FBA-Fees. Das ist im engeren Sinn keine „Manufacturing Cost” und kann bei Auditierung Rückfragen produzieren.
Schritt 3 — Pro SKU Beleg-Referenz hinterlegen (optional, aber empfehlenswert)
Du kannst zusätzlich eine Beleg-Referenz (PO-Nummer, Rechnungsnummer) hinterlegen. Bei Reklamation hilft das, falls Amazon den eingetragenen Wert hinterfragt.
Schritt 4 — Bulk-Pflege via CSV
Bei mehr als 20 SKUs lohnt sich der Bulk-Pflege-Weg. In Seller Central unter Inventory → Manage Inventory → Add via Upload lässt sich eine CSV hochladen mit den Spalten SKU, manufacturer_cost, currency. Bei mehreren hundert SKUs ist das in 30 bis 60 Minuten erledigt.
Schritt 5 — Cost-Updates bei jedem neuen Inbound
Wenn der Lieferant Preise anpasst oder du den Hersteller wechselst, aktualisiere die Cost-Daten vor der nächsten Inbound-Sendung. Sonst wird ein Verlust aus dem alten Bestand mit dem neuen Cost-Wert verrechnet — was steuerlich sauberer ist, aber selten dein Vorteil.
Das 60-Tage-Monitoring aufsetzen
Der entscheidende Hebel ist nicht die Cost-Pflege selbst, sondern dass du innerhalb der 60-Tage-Frist reklamierst. Drei Bausteine machen das robust:
Baustein 1 — Monatliches Reconcile
Einmal pro Monat (idealerweise am 1.) machst du eine Sichtung der drei wichtigsten Reports:
- Inventory Adjustments Report — alle physischen Bestandsänderungen
- Removal Order Detail Report — alle Removal-Bewegungen
- FBA Reimbursements Report — alle bereits laufenden Erstattungen
Aus der Differenz ergibt sich, welche Verluste noch nicht zur Erstattung freigegeben wurden. Praktisch reicht dafür eine Excel-Tabelle oder ein leichtes Skript, das die drei Reports nebeneinanderlegt.
Baustein 2 — Auto-Alarme für SKUs ohne Cost-Daten
Eine SKU ohne hinterlegten Cost-Wert ist ein laufender Verlust. Jede Woche solltest du eine schnelle Prüfung machen: Welche SKUs sind neu im Sortiment? Welche haben noch kein Cost-Feld? Die Anzahl sollte gegen Null gehen.
Baustein 3 — Reklamationen vor Tag 50
Plane deine Reklamations-Runde so, dass dokumentierte Verluste spätestens am Tag 50 im System sind — du gibst dir damit zehn Tage Puffer für den Fall, dass Amazon Nachweise oder Klarstellungen anfordert. Wer auf Tag 58 wartet, riskiert die Frist, weil Amazon-Support typischerweise 24 bis 72 Stunden Antwortzeit hat.
Was Amazon prüft — und was nicht
Die Reimbursement-Mechanik prüft drei Dinge automatisch:
- Dokumentierter Verlust: Steht der Verlust in einem Amazon-Report?
- SKU-Eignung: Ist die SKU reimbursement-fähig (keine perishables, keine Gefahrgut-Ausnahmen)?
- Frist: Ist der Verlust weniger als 60 Tage her?
Was Amazon nicht automatisch macht: Erstattungen aus eigener Initiative anstoßen. Du musst aktiv reklamieren. Der oft gehörte Satz „Amazon macht das doch automatisch” stimmt nur in einem Teil der Fälle — bei Versand-Verlusten und einigen Inbound-Schäden ja, bei Lagerschäden, Kunden-Retouren und „lost in fulfillment center” oft nicht.
Fünf typische Verlust-Kategorien — und wo du sie findest
Damit du weißt, wo du suchen musst:
1. Inbound-Verluste
Sendung kommt mit weniger Einheiten an, als angemeldet. Sichtbar im Shipment Reconciliation Report für jede einzelne Inbound-Sendung.
2. Lagerschäden („Damaged in Warehouse”)
Einheiten werden im FBA-Lager beschädigt. Sichtbar im Inventory Adjustments Report, Spalte reason_code mit Werten wie M-damaged_warehouse.
3. Kunden-Retouren ohne Wiedereinlagerung
Kunde retourniert, Artikel wird nicht als verkaufsfähig wieder eingelagert. Sichtbar im Customer Returns Report + Cross-Check mit unfulfillable-Bestand.
4. Removal-Order-Diskrepanzen
Du fragst 100 Einheiten retour an, es kommen 96 an. Sichtbar im Removal Order Detail Report, Differenz zwischen requested_quantity und actual_return_quantity.
5. Lost-in-Fulfillment-Center
Einheiten verschwinden aus dem aktiven Bestand ohne klare Begründung. Sichtbar im Inventory Adjustments Report mit reason_code wie R-lost_inventory.
Wer diese fünf Kategorien systematisch im Auge hat, deckt 90 % aller reimbursement-fähigen Vorfälle ab.
Häufige Fragen
Was passiert, wenn ich Cost-Daten nachträglich pflege?
Sie gelten ab dem Zeitpunkt der Pflege für alle zukünftigen Reimbursements. Verluste, die vor der Pflege dokumentiert und bereits erstattet wurden, werden nicht rückwirkend neu berechnet.
Welche Währung soll ich eintragen?
Standardmäßig die Währung deines Verkaufs-Marktes (EUR für DE/FR/IT/ES, GBP für UK). Bei Cross-Border-Verkauf reicht der EUR-Wert — Amazon rechnet intern um.
Was, wenn meine Cost-Daten von Lieferanten-zu-Lieferanten unterschiedlich sind?
Verwende den gewichteten Durchschnitt der letzten 6 bis 12 Monate. Bei stark schwankenden Cost-Werten (z. B. durch wechselnde Wechselkurse oder Volumen-Rabatte) ist eine quartalsweise Aktualisierung besser als ein Festwert.
Akzeptiert Amazon meine Cost-Angabe ohne Prüfung?
In der Regel ja, solange der Wert plausibel ist — d. h. niedriger als der Verkaufspreis und im Bereich, der zu deiner Produktkategorie passt. Bei sehr hohen Cost-Angaben (z. B. 90 % des VK) kann Amazon eine Plausibilitäts-Anfrage stellen.
Lohnt sich ein Reimbursement-Service-Tool?
Bei mehr als ~100 SKUs ja, weil das manuelle Reconcile sonst die 60-Tage-Frist immer wieder zur Glückssache macht. Bei kleinen Sortimenten reicht eine wiederkehrende monatliche Routine plus eine sauber gepflegte Excel-Tabelle.
Was du in der nächsten Woche tun solltest
Eine konkrete Liste:
- ☐ Inventory & Defect Portal aufrufen, SKUs ohne Cost-Daten identifizieren
- ☐ Lieferanten-Rechnungen der letzten 6 Monate zusammensuchen
- ☐ Cost-Werte für deine Top-50-Umsatz-SKUs eintragen (das deckt typischerweise 80 % deines Sortiments-Volumens)
- ☐ Drei wichtigste Reports einrichten: Inventory Adjustments, Removal Order Detail, FBA Reimbursements
- ☐ Monatlichen Termin im Kalender setzen — 30 Minuten am Monatsanfang für Reconcile
- ☐ Bei Verlusten älter als 50 Tage: sofort reklamieren
Wer den 60-Tage-Counter nicht jeden Monat manuell überwachen will: Waypoint Hub flaggt SKUs ohne Cost-Daten in rot, listet alle erstattungsfähigen Verluste mit Tage-bis-Frist-Anzeige und führt einen automatischen Soll-Ist-Abgleich nach jeder Inbound-Sendung. Mehr zu Waypoint Hub.
Stand: 20. Mai 2026. Manufacturing-Cost-Regel aktiv seit 10. März 2025, 60-Tage-Frist seit 2024. Bei Policy-Aktualisierungen wird der Artikel ergänzt.


